Vorwort


Ich habe diesen Artikel ursprünglich im Jahr 2012 geschrieben, inwzischen haben wir 2016 und der Preisverfall der digitalen Vollformatkameras hat besonders bei Nikon zu einer deutlichen Verbreitung dieser Kameragattung geführt. Viele ambitionierte Hobby- und Semiprofessionelle Fotografen, die beispielsweise mit einer D200, D300 oder D7000 lange glücklich waren, überlegen jetzt, ob sie nicht doch auf Vollformat umsteigen, da diese Kameras in der gleichen Preisregion spielen und Nikon diese Kundengruppe bis zur Einführung der D500 hartnäckig ignoriert hat.


Persönliche Erfahrungen


Diesen Artikel habe ich geschrieben, weil mich die Frage Vollformat oder nicht selbst lange beschäftigt hat. Ich habe als Kind von meinem Großvater, der begeisterter Amateurfotograf war, eine analoge Kompaktkamera bekommen und dann meine Fotos gemeinsam mit ihm in der Dunkelkammer entwickelt. Über diverse Kompakt und Bridge-Kameras bin ich irgendwann bei einer digitalen Spiegelreflexkamera gelandet. Bei mir war es eine Nikon D50, es hätte aber auch eine Canon EOS 300D oder ähnlich werden können. So oder ähnlich sind viele Hobbyfotografen mit der Droge Spiegelreflexkamera und den damit verbundenen Zubehörkosten gelandet. Wenn man irgendwann die Möglichkeiten seiner Kamera ausgereizt hat - in 90% der Fälle jedoch viel früher, kommt der Wunsch nach einem Upgrade auf. Oft natürlich, weil uns die Hersteller mit schönen Werbeversprechen, tollen Videos und immer mehr nützlichen und oft unnützen Funktionen ködern und über die Jahre schön bei der Stange halten wollen.

Und dann stellt sie sich. Die Frage der Fragen. Lohnt sich ein Umstieg auf eine Vollformat-Kamera? Für Besitzer einer digitalen Spiegelreflexkamera, die nicht wissen, welches Geheimnis hinter diesem sagenumwobenen Wort „Vollformat“ steckt, empfehle ich, gar nicht erst weiterzulesen, es sei denn, die Gadged-Kasse ist anständig gefüllt. Denn hier werden Begierden geweckt…

Die Größe der Sensorfläche macht den Unterschied


Vollformatkameras besitzen Bildsensoren, deren Fläche etwa der des klassischen 35mm Kleinbildfilms entspricht. Das klingt zunächst unspektakulär, ist aber ein Vielfaches dessen, was in den Einsteigerkameras und in den meisten Pocket-Knipsen steckt.

Das Einsteigersegment bei den DSLRs bietet mit dem sog. APS-C Format mit ungefähr 22x14mm schon eine recht ordentliche Sensorfläche. Die Sensorfläche des Vollformats mit ca. 36x24mm ist jedoch knapp dreimal so groß. Bei gleicher Auflösung kann jedes Pixel also mehr Licht aufnehmen. Dies wirkt sich besonders auf das Rauschverhalten aus, denn die größere Fläche geht nicht zwangsläufig mit höherer Auflösung einher.

Eine Nikon D750 Vollformatkamera löst mit 24 Megapixeln auf, eine D7200 bringt auf dem viel kleineren Sensor die gleiche Pixelzahl unter - das Vollformat bietet hier also mehr Fläche pro Pixel.

Das hat Vor- und Nachteile aber dazu später. Der Vorteil des großen Sensors ist beim Rauschverhalten offensichtlich, heutzutage aber erst bei hohen Lichtempfindlichkeiten ab ISO6400. Wer diese Eigenschaft braucht, für den ist eine Vollformatkamera definitiv eine Option. Bei älteren Kameras sah das noch ganz anders aus, meine in die Jahre gekommene D700 Vollformatkamera hat vor 4 bis 5 Jahren noch jede Crop-Kamera in den Schatten gestellt - hier haben die Modelle mit kleineren Sensoren heute glücklicherweise stark aufgeholt.


Kleinerer Sensor - kleinerer Bildkreis


Die unterschiedliche Sensorgröße hat auch Auswirkungen auf die nutzbare Brennweite der Objektive, da bei kleinerer Sensorgröße im Vergleich zum klassischen 35mm-Kleinbildformat auch ein kleinerer Bildkreis zur Verfügung steht, man spricht fälschlicherweise oft von einer Brennweitenverlängerung.

Aus historischen Gründen wird die Brennweite der Objektive in der Regel entsprechend dem 35mm-Format angegeben, auch bei Spiegelreflexkameras mit kleineren Bildsensoren. So wird aus einem klassischen 50mm Standardobjektiv an einer APS-C Kamera ein leichtes Tele mit 75mm. Und ein 24mm Weitwinkel ist an dieser Kamera allenfalls noch eine schöne Reporterbrennweite aber längst kein Weitwinkel mehr. Und das haben die Kamerahersteller erkannt, und bieten eine Vielfalt an Objektiven, die speziell für den kleineren Bildkreis dieser Kameras gerechnet sind. Klingt zunächst gut, bring den Vorteil der geringeren Bauform und des geringeren Gewichts mit, aber es bringt auch einen Riesennachteil.


Kompatibilität der Objektive


Immer dann, wenn diese ominöse Frage nach dem Umstieg aufs Vollformat durch den Kopf geistert, kommt auch gleich die Frage nach der Kompatibilität des Objektivparks mit. Denn ein Objektiv für das kleinere DX-Format, wie Nikon es nennt, passt zwar vom Bajonett auf eine Vollformat-Kamera, führt dort aber im Weitwinkel zu unschönen Randabschattungen. Wer jetzt aber schon eine stattliche Sammlung Objektive hat, die speziell für den kleineren Bildkreis gerechnet wurden, muss umsteigen. Und das ist, wenn man mit seinen Objektiven eigentlich sehr zufrieden ist, unschön. Denn wer kennt nicht die vielen Abende vor dem Rechner, wo man Testberichte und Reviews liest, dazu hunderte divergierender Meinungen in den diversen Fotoforen. Ich musste mich beim Umstieg von der D50 auf die D700 von einem recht schönen Tokina 12-24mm Weitwinkelzoom trennen, ansonsten ging der Umstieg schmerzfrei über die Bühne.

Nikon Df mit Nikon AF-S Nikkor 50mm F1,8G

Nikons Vollformatmodelle verfügen über einen DX-Modus, jedoch nutzen die DX-Objektive einen kleineren Teil des großen Sensors, so dass sich die Auflösung reduziert. Bei einer D700 stehen nur 5 Megapixel im DX-Modus zur Verfügung, bei einer D810 sind es immerhin 15,3 Megapixel. Wer die volle Auflösung braucht und vor allem 3000€ für eine Kamera ausgibt, sollte umsteigen und auf Objektive setzen, die die Kameraeigenschaften auch ausnutzen können. Umgekehrt können für das 35mm-Format gerechnete Objektive bedenkenlos an Kameras mit kleinerem Sensor verwendet werden – einhergehend mit zwei optischen Einflüssen.

Brennweitenverlängerung und Schärfentiefe


Wie bereits erwähnt „verlängert“ sich die Brennweite der 35mm Objektive bei systemgleichen Kameras mit kleineren Sensoren, eigentlich ist der Bildkreis beschnitten gegenüber dem Vollformatsensor, weshalb sich das Wort Cropfaktor für diesen Effekt etabliert hat. Dies kann auch Vorteile bringen. Mein 100mm Macro-Objektiv entspricht an der D750 mit Cropfaktor 1,5 einem 150mm Objektiv, ein 300mm Tele entspricht einem 450mm Teleobjektiv und das noch ohne Telekonverter. Wer die Brennweite braucht, kriegt hier mehr fürs Geld. Geht man zu den spiegellosen Systemen, wie das CX-Format der Nikon 1, lassen sich in dem Fall mit einem Cropfaktor von 2,7 aus harmlosen und günstigen Teleobjektiven, wie dem 70-300 VR mit dem passenden Bajonettadapter schnell günstige Superteleobjektive realisieren. Das Ganze hat natürlich auch Nachteile: die reduzierte Schärfentiefe. Denn das so reizvolle Spiel mit der Unschärfe ist mit den kleineren Bildsensoren schwieriger, auf Pocketkameras oder Handykameras mit ihren winzigen Sensoren fast schon unmöglich.

Und lohnt der Umstieg?


Man muss da zunächst fragen, in welcher Hinsicht. Insgesamt kann ich ich ein ganz klares Jein antworten.

Für mich hat sich der Umstieg in jedem Fall gelohnt, da ich nach einem Bildsensor mit ausgezeichnetem Rauschverhalten bei hoher Lichtempfindlichkeit gesucht habe. Das erfüllt meine Vollformatkamera mehr als nur gut. Die Kosten für eventuelle neue Objektive konnte ich begrenzen, da ich bereits beim Kauf von Objektiven für meine Crop-Kamera darauf geachtet hatte, diese bei einem möglichen Umstieg auf Vollformat weiterverwenden zu können – mit Ausnahme des Weitwinkels.

Das Ganze ist jedoch eine nicht unerhebliche Kostenfrage. Anständige Spiegelreflexkameras im APS-C Format bekommt man ohne Objektiv neu schon für unter 500€, je nach Ausstattung. Professionellere Modelle, wie die D500 kosten genauso viel, wie Vollformat-Modelle. Bei Nikon startet das Vollformat als Neupreis inzwischen für günstige 1500€ mit der D610, gebraucht sind D600 und D700 Modelle für ungefähr 1000€ zu haben - dafür bekommt man schon zwei gute DX-Bodies aus der D5000er oder D7000er Serie.

Die Objektive beim Vollformat haben jedoch nicht den Preisverfall der Kameras hingelegt, so dass man hier richtig Geld in die Hand nehmen muss.

Viele mögen Standardzooms. Da kostet ein lichtstarkes Standard für APS-C vielleicht 400 oder 500€ - je nachdem ob man ein Objektiv des Kameraherstellers kauft oder sich für ein Drittanbieterprodukt von Sigma, Tokina oder Tamron entscheidet. Für Vollformat muss der Fotograf da noch locker 1000€ für ein neues Exemplar drauflegen. Dafür bekommt man professionelles Equipment, das nur die wenigsten Amateure wirklich ausreizen werden. Hier lohnt sich ein Blick auf den Gebrauchtmarkt, denn allein Nikon hat in den vergangenen 30 Jahren so viele verschiedene Modelle von Standardzooms hergestellt, dass man einen ganzen Artikel darüber schreiben kann.

Hier ist meine Empfehlungliste für günstige bzw. wirklich billige Standardzooms, da gehts schon bei 50€ gebraucht los:
Billige und günstige Standard-Zooms von Nikon fürs Vollformat

Bei Nikons Vollformatkameras besteht übrigens volle Kompatibilität auch zu den alten AI-Objektiven, bei der Nikon DF sogar zu Non-AI Objektiven. Wer also noch ein paar alte Schätze von früher zu Hause hat, kann diese problemlos weiter nutzen.

Siehe dazu mein Artikel
Manuelle Nikon-Objektive

Mit denen steht mir sogar 3D-Matrixmessung zur Verfügung – ein Grund bei der Suche nach einem Weitwinkel zu einem Klassiker zu greifen. Denn ein 28mm F2,8 gibt’s als manuelles AI schon für 200 bis 300€.

Bei Nikon ist es zudem so, dass die Vollformatkameras über einen wirklich anständigen großen und hellen Sucher verfügen, mit dem die Komposition und Schärfebeurteilung besonders bei MF Objektiven deutlich leichter fällt, als im Mäusekino der Cropkameras.

Meine Empfehlung


Wer unbedingt Vollformat will, sollte das Geld für vernünftige Objektive ausgeben und zwar schon dann, wenn noch die DX-Kamera genutzt wird.

Ich bin ein Freund der Festbrennweiten und fahre damit insgesamt sehr gut. Die sind günstig, lichtstark und erlauben sehr viel Kreativität. Siehe dazu auch Ken Rockwells Artikel: Why Fixed Lenses Take Better Pictures.

Wer allerdings mit seiner Kombination aus DX-Kamera und Objektiven glücklich ist und die Resultate erzielt, die er möchte, sollte dabei bleiben und ggf. wenn es ein neuer Kamera-Body sein soll, eine professionellere DX-Kamera kaufen.

Nikon Coolpix A Gehäuseoberseite

Und noch ein Tipp: Es gibt auch Kompaktkameras mit APS-C Sensoren, die ebenfalls eine sehr gute Figur machen, klein und handlich sind und einer Spiegelreflex im Crop-Format hinsichtlich der Bildqualität um nichts nachstehen. Als Beispiele sind hier die Fuji X100-Serie oder die Nikon Coolpix A zu nennen.


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