Die Überschrift ist provokant formuliert und ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen. Ich kenne es aus dem Bekanntenkreis aber auch von Zuschriften von Lesern meiner Website. Man kennt sich eigentlich in den Grundlagen der Fotografie nicht aus, möchte aber tolle Bilder machen. Also greift man sofort zur Spiegelreflex- oder Systemkamera. Die meisten versprechen sich von diesem Schritt eine bessere Bildqualität und kreativere Möglichkeiten beim Fotografieren. Klar, das ist unser aller Wunsch. Aber das bedeutet nicht, dass wir unbedingt etwas Neues brauchen.

Denn oft ist die Enttäuschung dann groß. Klar, es sieht schon ein bisschen nach Profi aus mit den ganzen Objektiven und den schicken professionell aussehenden Gehäusen mit vielen Knöpfen und technischen Beschriftungen. Aber die Fotos sind dann meist doch ernüchternd und sehen nicht so viel besser aus, als bei der alten Kamera – technisch vielleicht schon – mit weniger Rauschen und mehr Schärfe, aber künstlerisch hat sich nichts geändert.

Man kann von Ken Rockwell, der eine der bekanntesten Fotografiewebsites im Netz betreibt, halten was man will, aber in einem hat er völlig recht. In seinem Artikel Should you upgrade? beantwortet er die Frage gleich nach den ersten Zeilen ganz klar mit NO. Und eigentlich ist es auch so.

Wenn Sie die Möglichkeiten Ihrer bisherigen Kamera noch nicht ausgereizt haben, brauchen Sie eigentlich keine bessere oder andere Kamera. Viel wichtiger sind Sie selbst, nämlich derjenige, der hinter der Kamera steht und das Foto macht. Es ist sinnvoller die Zeit in das Erlenen der Technik der Fotografie, in bessere Komposition und vor allem in das Lernen des Sehens zu investieren, als stundenlang Reviews von Objektiven und Kameras zu investieren.

Und doch, wer bin ich, dass ich diesen Ratschlag erteile, wo ich doch selbst gern tagelang in Internetforen, Testbeiträgen und Kundenbewertungen stöbere, nur um zu erfahren, was andere Nutzer von bestimmten Produkten denken und wie gut welches Equipment wirklich ist – besser fotografieren, kann man davon leider nicht. Deshalb habe ich ein paar Ratschläge für uns technikbegeisterte Fotografen, weg von der Technik, hin zu besseren Fotos.


Schritt eins: Die eigene Kamera und Ausrüstung kennenlernen


Wenn Sie bislang vor Allem die Automatik- und Motivprogramme Ihrer Kamera benutzt haben, kann ich nur sagen trauen Sie sich auch mal die manuellen Funktionen zu nutzen. Die sind selbst in einfachen 100€ Consumerkameras, wie den IXUS-Modellen von Canon oder den günstigen Coolpix-Kameras von Nikon verfügbar. Sie können nichts kaputt oder falsch machen.

Denn erst wenn die Grenzen Ihrer Ausrüstung wirklich ausgeschöpft sind, sollten Sie sich Gedanken über neue Gerätschaften und Zubehör machen. Deshalb: zuerst lernen Sie Ihre Kamera kennen. Eine Kamera ist mehr als nur eine Automatik. Die Funktionsweise einer Kamera kann mit ein paar wenigen Handgriffen nach den eigenen kreativen Bedürfnissen gesteuert werden. Dazu braucht man sich für den Anfang nur mit drei Dingen beschäftigen:

- Mit der Blende Ihres Objektivs.
- Mit der Belichtungszeit.
- Mit der Lichtempfindlichkeit des Chip oder Film.

Beginnen Sie mit der Blende zu experimentieren.


Die Blende entscheidet darüber welche Lichtmenge durch die Linse auf den Sensor oder den Film fällt. Je größer die Blendenzahl, desto kleiner ist die Blendenöffnung – desto weniger Licht fällt auf den Sensor. Je kleiner die Zahl, desto weiter geöffnet ist die Blende und desto mehr Licht fällt auf den Sensor.

Blende eines 50mm Objektivs

Jetzt gibt es noch einen weiteren Effekt – die Schärfentiefe. Das können Sie nutzen, um Motive scharf vor einem unscharfen Hintergrund darzustellen. Je weiter geöffnet die Blende ist, desto kleiner ist die Schärfentiefe. Wenn Sie jemanden mit weit geöffneter Blende fotografieren und auf die Nasenspitze scharf stellen, ist möglicherweise das Auge, was weiter von der Kamera entfernt ist, als die Nasenspitze, unscharf. Wenn man die Blende etwas weiter schließt, vergrößert sich diese Schärfentiefe. In der Regel verwendet man für Landschaftsaufnahmen Blende 8 bis 11 um maximale Schärfentiefe = alles scharf, zu erreichen.

Testen Sie das mal an Ihrer Kamera. Bei Kameras von Nikon mit Programmwählrad, wie den Coolpix P7XXX Modellen oder den G-Modellen der Powershot Serie von Canon Stellen Sie das Wählrad auf A (Aperture) bei Nikon oder Av bei Canon.

Programmwahlrad einer Canon Powershot G2

Im Display müssten Sie die Blendenzahl sehen. Diese können Sie jetzt mal auf den kleinstmöglichen Wert stellen und einen Gegenstand in 50 cm Entfernung fokussieren. Lösen Sie aus und Sie werden sehen, dass der Hintergrund schön unscharf ist. Jetzt erhöhen Sie die Blendenzahl auf 8 und lösen Sie wieder aus. Jetzt wird der Hintergrund schon deutlich schärfer zu sehen sein.

Probieren Sie diesen Effekt mal aus. Wenn Sie nicht wissen, wie Sie bei Ihrer Kamera die Blende einstellen können, schlagen Sie im Handbuch nach oder einfach eine Abfrage bei Google und schon wissen Sie es. Ihre Kamera wird die nötige Verschlusszeit (siehe nächster Punkt) automatisch wählen.

Experimentieren Sie mit der Verschlusszeit


Die Verschlusszeit entscheidet, wie lange das durch die Blende mögliche Licht auf den Sensor fallen kann. Je länger die Verschlusszeit, desto mehr Licht und umgekehrt. Mit kurzen Verschlusszeiten können Sie schnelle Bewegungen scharf einfangen, mit langer Verschlusszeit werden Bewegungen verschwimmen. So können Sie beispielsweise einen Wasserfall fotografieren und entweder die Tröpfchen des Wassers einfangen (kurze Verschlusszeit) oder einen schönen weißen Streifen erzeugen (lange Verschlusszeit).

Belichtungswahlrad meiner Praktika MTL 5B


Stellen Sie bei Kameras mit Programmwählrad auf von Nikon auf S (Shutter) bzw. bei Canon-Kameras auf Tv. Bei einfacheren Kameras ohne Programmwählrad ist dieser Punkt häufig in irgendeinem Menü versteckt, konsultieren Sie dazu Ihr Handbuch oder fragen Sie Google. Bei der Blendenautomatik stellt die passende Blende am Objektiv automatisch an, je nachdem, welche Zeit für die Öffnung der Blende von Ihnen vorgegeben wurde.

Stellen Sie die Zeit mal auf 1s (Kamera am besten auf Stativ) und versuchen Sie eine Bewegung einzufangen, beispielsweise von einer Person die vorbeiläuft. Versuchen Sie das gleiche mit kurzer Verschlusszeit (1/500s oder 1/1000s). In einem Fall wird die Person verschwommen sein, der Hintergrund ist scharf und im anderen Fall wird alles scharf sein. Denken Sie daran, dass Sie aus der Hand die Kamera nur 1/15s ruhig halten können, für längere Verschlusszeiten verwenden Sie ein Stativ oder legen Sie die Kamera auf eine stabile Unterlage.

Nutzen Sie unterschiedliche Lichtempfindlichkeit, je nach Situation


Die Lichtempfindlichkeit des Sensors wird heute in ISO angegeben. Sie können sowohl mit der Wahl der Blende bestimmen wieviel Licht auf den Sensor fallen soll als auch über die Verschlusszeit. Die Empfindlichkeit des Sensors, oder früher des Films, ist eine dritte Komponente in diesem Spiel. Je höher diese Empfindlichkeit ist, desto mehr Licht können die einzelnen Pixel in einer bestimmten Zeiteinheit aufnehmen. Das kann Ihnen in verschiedenen Situationen helfen.

Sie sind zum Beispiel auf einer Feier, wo es sehr dunkel ist. Sie möchten aber nicht mit Blitz fotografieren, weil die Lichtstimmung Ihnen gefällt. Also müssen Sie das anwenden, was Sie durch Ausprobieren der oben genannten Techniken gelernt haben.

Sie machen die Blende möglichst weit auf (die Blendenzahl ist offen am kleinsten). Jetzt kann bei gleicher Belichtungszeit viel Licht auf den Sensor geraten. Aber das reicht nicht, um freihändig unverwackelte Fotos zu machen? Dies kann durch Erhöhung der Lichtempfindlichkeit kompensiert werden. Erhöhen Sie den ISO-Wert in der Kamera, dann können Sie durch kurze Verschlusszeiten scharfe Bilder schießen.

Generell ist es jedoch so, dass bei digitalen Kameras das Lichtsignal verstärkt wird. Je höher die Lichtempfindlichkeit, desto größer die Verstärkung. Mit der Verstärkung werden jedoch alle Signale, auch die Störenden verstärkt, dadurch steigt das Rauschen. Das erkennen Sie daran, das Ihre Bilder körniger und detailärmer werden, meistens lassen auch die Farben zu wünschen übrig. Viele Kameras haben eine Rauschkorrektur. Die macht jedoch nichts anders, als das Rauschen „glattzubügeln“. Dadurch werden die Details einfach matschig, Gesichter sehen aus, wie geschminkt. Deshalb im manuellen Modus mit verschiedenen Empfindlichkeiten experimentieren – je mehr Licht vorhanden ist, desto niedriger oder je länger belichtet werden kann, desto niedriger.


Schritt zwei: Sehen lernen, Perspektive ändern, sich Zeit nehmen


Das kennen wir alle von anderen, ich kenne es von mir selbst. Man läuft durch eine fremde Stadt, fotografiert, bis die Speicherkarten voll sind. Wenn man eine Spiegelreflex hat, wechselt man zwischendrin noch Objektive und schaut sich dann zu Hause an, wo man eigentlich war. Man hat am Ende des Tages Rückenschmerzen, weil im Fotorucksack das gesamte Equipment war und die Fotos sind trotzdem Mist.

Man kann sowieso nicht alles fotografieren und verpasst immer etwas. Deshalb Tempo raus, lieber ein schönes Foto als 10 schlechte Fotos machen. Zuerst sehen, dann knipsen, nicht umgekehrt. Und vor allem Zeit nehmen um den Ort, die Stimmung, das Licht wahrzunehmen. Und auch mal eine andere Perspektive probieren. Wie sieht eine Straße aus der Hocke oder von einer Mauer aus betrachtet aus? Sie haben (hoffentlich) zwei gesunde Beine, benutzen Sie sie auch.

Dazu brauchen Sie keine Spiegelreflexkamera, keine Weitwinkelobjektive, nichts – nur Ihre Füße, Ihre Augen und ein paar Minuten Zeit.


Schritt drei: Die Grenzen kennenlernen und erst dann in Technik investieren


Wenn Sie die ersten beiden Tipps befolgen und anfangen, kreativere Fotos zu schießen, kann es sein, dass Sie irgendwann an Grenzen stoßen. Beispielsweise wenn Sie bei Makroaufnahmen keine ausreichende Vergrößerung erreichen, oder weil Ihre Kamera bereits bei geringen Lichtempfindlichkeiten sehr stark rauscht und Sie sich eingeschränkt fühlen.

Dann können Sie, unter Berücksichtigung der von Ihnen beobachteten Schwächen Ihres Equipments überlegen, mit was Sie hier gegensteuern können. Jetzt könnten Sie sich Gedanken machen, ob Sie vielleicht etwas anderes oder ein neues Zubehör benötigen, aber wirklich erst jetzt.

Denn Sie sollten immer an Chase Jarvis denken „The best camera is the one that is with you“.


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